...

DEMENZ HAT VIELE GESICHTER


Circa 1,2 Millionen Menschen sind zurzeit in Deutschland an Demenz erkrankt. Aber Demenz ist nicht gleich Demenz, sondern hat viele Gesichter. Bei der Erkrankung spielen Stadien und Verläufe, aber auch die Persönlichkeit eines Menschen, seine Biografie und aktuellen Lebensbedingungen eine Rolle. Demenzen entwickeln sich in der Regel schleichend. Rückwirkend betrachtet gibt es häufig einen Vorspann von mehreren Jahren, in denen die Betroffenen aus dem Gleichgewicht geraten, es ihnen jedoch recht gut gelingt, Einbußen zu kompensieren. Da stellt sich immer wieder die Frage: Was ist der Unterschied zwischen „normaler“ Vergesslichkeit und einer Demenzerkrankung? Wurde zum Beispiel ein Schlüssel verlegt, so ist es dem Gesunden möglich, gezielt danach zu suchen. Er sieht an typischen Orten nach oder in zuletzt benutzten Dingen wie vielleicht Mantel- oder Handtasche. Beim Erkrankten besteht die Fähigkeit des logischen Zurückverfolgens nicht mehr. Bei ihm würde der Schlüssel eher an ungewöhnlichen Orten wieder auftauchen. Eventuell kann der Betroffene den Gegenstand auch gar nicht mehr benennen und weiß nicht mehr, wozu er gebraucht wird. Allgemein gilt: Je früher im Leben die Krankheit beginnt, desto rascher ist in der Regel ihr Verlauf. Es gibt verschiedene Formen einer Demenz und die Dauer der Erkrankung ist sehr unterschiedlich.
Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz, die 60 Prozent aller Demenzen ausmacht. Sie entsteht durch ein Zusammenwirken verschiedener Faktoren, die Hirnnervenzellen und ihre Verbindungen absterben lassen. Eine Rolle spielen dabei unter anderem Eiweißablagerungen (Plaques). Kennzeichnend für die Alzheimer Demenz ist eine schleichende, kontinuierliche Verschlechterung des Zustandes. Dabei ist das Alter der unbestritten größte Risikofaktor. Mehr als 95 Prozent der Alzheimer-Erkrankungen treten erst nach dem 65. Lebensjahr auf und haben keine eindeutige genetische Ursache.
Die Diagnose Demenz verändert das ganze Leben – für den Erkrankten und für seine Angehörigen. Immer mehr Menschen in Deutschland pflegen Angehörige, die an Demenz leiden. Was es aber bedeutet, den erkrankten Ehemann oder die Ehefrau, Mutter oder Vater tagtäglich zu versorgen, davon machen sich Nicht-Betroffene oft nur geringe Vorstellungen. Für die pflegenden Angehörigen bedeutet dies eine belastende veränderte Lebenssituation mit „Rund-um-die-Uhr-Versorgung ohne Pause“ – oft über Jahre. „Man ist immer auf dem Sprung. Ich war wie ausgelaugt“, erzählt zum Beispiel stellvertretend für zahlreiche Pflegende eine 72-jährige Betroffene, die seit vielen Jahren ihren demenzkranken Ehemann pflegt. Ihre eigenen Bedürfnisse hat sie dabei immer wieder hinten angestellt und stark vernachlässigt. Als besonders emotional belastend erleben Pflegende es, mitansehen zu müssen, wie sich die Persönlichkeit ihres dementen Angehörigen immer mehr verändert, dass dessen Fähigkeiten und Erinnerungen immer weniger werden. „Es ist ein tagtäglicher Abschied auf Raten“ berichten sie häufig.
Viele Pflegende möchten so viel Zeit wie möglich mit ihren erkrankten Angehörigen verbringen. Dabei überschreiten sie jedoch häufig eigene körperliche und seelische Belastungsgrenzen. Die Folge sind vielfältige Krankheitssymptome wie zum Beispiel Schwindel, Herzrasen, Verdauungsprobleme, Atemnot und schmerzhafte Muskelverspannungen. Die einstige Fröhlichkeit weicht häufigem Grübeln. Zukunftsängste schleichen sich ein, Ein- sowie Durchschlafen fallen schwer und die eigene Leistungsfähigkeit nimmt ab. Aber auch Morgenmüdigkeit oder Ängste bis hin zu schwindenden Kontakten im Freundes- und Familienkreis sind deutliche Anzeichen einer stark ausgeprägten Überlastung. Erfahrungen haben gezeigt, dass es für Betroffene und deren pflegende Angehörige nach der Diagnose Demenz von großem Vorteil ist, so früh wie möglich ambulante oder stationäre Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.